Noch zwei Jahre. Dann ist Schluss mit GSM in Deutschland. Alle Netzbetreiber haben die Abschaltung für 2028 angekündigt. Los geht’s Mitte 2028 bei der Telekom bevor binnen kurzer Zeit Vodafone und O2 bis Ende 2028 folgen werden. Wer dann noch ein reines 2G-Gerät besitzt, kann damit nicht mehr telefonieren, keine SMS schreiben, keinen Notruf absetzen. Das Problem: Genau solche Geräte verkaufen deutsche Händler aber weiter, und zwar neu, nicht als Restposten aus dem Keller. Und ohne entsprechenden Hinweis darauf, dass die Geräte in weniger als zwei Jahren wertlos werden. Nur wer sich wirklich auskennt, weiß Bescheid.
Warum das jetzt wichtig ist
UMTS, also 3G, ist in Deutschland schon abgeschaltet. Die Netzbetreiber haben die letzten 3G-Antennen vor einigen Jahren stillgelegt. GSM ist der nächste Standard, der fällt. Und GSM ist älter, einfacher und in noch mehr alten und neuen Billiggeräten verbaut, als UMTS es je war. GSM war und ist das Rückgrat der Mobilfunknetze. Auch viele Maschinen, etwa Aufzüge, Alarmanlagen, Windkraftanlagen, Autos und Stromzähler, kommunizieren per GSM. Sie alle müssen in den nächsten zwei Jahren umgestellt werden oder auf spezielle IoT-Anwendungen der Mobilfunker per GSM hoffen. Das ist aber keine Lösung für private Handys.
Ein 2G-only-Handy zeigt seine Schwäche nicht auf den ersten Blick. Es klingelt, es telefoniert, es macht heute genau das, wofür es gekauft wurde. Erst im Sommer 2028 merkt der Käufer, dass er ein Gerät mit eingebautem Verfallsdatum besitzt, wenn es ihm niemand vorher gesagt hat.
Was aktuell im (virtuellen) Regal steht
Bei expert fanden wir das Emporia JOY 2G, explizit als 2G-Variante ausgewiesen. Daneben weitere Modelle, auch im Verkauf über den Kaufland Marketplace. Dort tummeln sich auch andere Händer, die bei ihren Handys GSM/2G ausdrücklich bejaht und UMTS, LTE und 5G ausdrücklich verneint. Bei OTTO bietet ein Marktplatzhändler das Bea-fon SL645 in der 2G-Version an. Bei Amazon ist die Liste länger: das Gigaset GL395 mit SOS-Taste, mehrere Nokia-Modelle inklusive des 3310, ein Seniorenhandy mit Ladestation und ein robustes Outdoor-Handy mit Taschenlampe. Alle sind laut Produktbeschreibung reine 2G-Geräte. Bei Pearl steht ein weiteres Senioren-Handy im Sortiment, ebenfalls ohne LTE.
Es gibt offenbar noch genug Nachfrage nach dem einfachsten, billigsten Gerät, das der Markt hergibt. Oder noch ausreichend hohe Lagerbestände, die abgebaut werden wollen.
Was die Händler dazu sagen
Wir haben Amazon, Pearl, expert und OTTO mit einem Fragenkatalog konfrontiert: Warum wird so etwas noch verkauft, ohne klaren Hinweis auf die Abschaltung? Die Antworten: ernüchternd. Amazon und Pearl haben gar nicht geantwortet. OTTO versprach eine Stellungnahme nach Ablauf der gewährten Frist, meldete sich dann aber nicht mehr.
Nur expert antwortete ausführlich. Der Konzern verweist darauf, dass 2G-Handys wegen einfacher Bedienung und niedrigem Preis weiterhin nachgefragt würden. Und darauf, dass die Technik außerhalb Deutschlands, etwa in Indien, Kenia oder Brasilien, noch lange im Einsatz bleibe. Die Mobilfunkstandards seien in den Produktinformationen ausgewiesen, dazu komme Beratung im Fachhandel. „expert bietet aktuell ein kleines Sortiment an 2G-Handys an, passt dieses aber laufend an die Nachfrage an.“
Die eigentliche Frage, warum nicht deutlich auf die GSM-Abschaltung hingewiesen wird, beantwortet das nicht ganz. In der Stellungnahme heißt es: „Die unterstützten Mobilfunkstandards sind klar in den Produktinformationen ausgewiesen, zudem bieten wir sowohl online als auch im Fachhandel eine umfassende Beratung zu allen Produkten an.“ Eine korrekte technische Angabe ist allerdings etwas anderes als ein Warnhinweis, dass das Gerät in zwei Jahren komplett tot ist. Außer du reist nach Indien, Kenia oder Brasilien. Interessant: Zwischen unserer Anfrage und der Erstellung dieses Artikels sowie der damit verbundenen Antwort von expert sind etwa zehn Tage vergangen. Expert führt die fraglichen Geräte inzwischen als „ausverkauft“ – zumindest auf der eigenen Webseite.
Was Verbraucherschützer sagen
Die Verbraucherzentrale NRW hält den Verkauf der reinen GSM-Handys für rechtlich zulässig. Die technische Angabe „nur 2G“ dürfte laut Auskunft der Verbraucherzentrale ausreichen, weitergehende Aufklärungspflichten ließen sich aber nicht pauschal beurteilen. Je näher die Abschaltung rückt, desto eher sei eine Hinweispflicht anzunehmen, teilte man uns auf Anfrage mit. „Es besteht durchaus das Risiko, dass Verbraucherinnen und Verbraucher ein Mobiltelefon kaufen, ohne zu erkennen, dass es nur noch zeitlich begrenzt genutzt werden kann. Deshalb sollten sie die technischen Angaben genau prüfen und sich bewusst machen, dass ein auf 2G beschränktes Gerät nur noch eine begrenzte Nutzungsdauer hat“, so die Verbraucherschützer.
Klar ist aus Verbrauchersicht trotzdem: Wer heute ein reines 2G-Gerät kauft, ohne das zu wissen, hat 2028 ein Problem. Wer ein Senioren- oder Notfallhandy sucht, sollte deshalb gezielt auf LTE oder 4G achten, nicht nur auf den Preis. „Aus Verbrauchersicht wäre es am transparentesten, wenn neben den technischen Eigenschaften des Geräts auch ausdrücklich auf die bevorstehende 2G-Abschaltung hingewiesen würde. So könnten Verbraucher ihre Kaufentscheidung in voller Sachkenntnis treffen.“ Tatsächliche Beschwerden von Verbrauchern seien nicht bekannt.
Was sich für dich ändert
Besitzt du schon ein 2G-only-Handy, ändert sich bis 2028 erst mal nichts. Das Gerät funktioniert weiter, ganz normal. Nur einzelne Senderstandorte könnten im Rahmen von Modernisierungen schon vorher das GSM-Netz verlieren. Planst du aber einen Kauf, für dich selbst, für die Großeltern oder als Notfallhandy, dann lohnt sich ein zweiter Blick auf die technischen Daten. Steht dort nur „GSM“ oder „2G“ ohne LTE, kaufst du ein Gerät mit fest eingebautem Ablaufdatum. Zum Vergleich: Bei einem 4G-fähigen Modell zahlst du oft nur wenige Euro mehr; dafür bleibt es nach 2028 nutzbar. Ein LTE-Abschaltdatum ist nicht in Sicht.
Wer bereits ein reines 2G-Gerät nutzt, sollte rechtzeitig vor der Abschaltung umsteigen, nicht erst, wenn das Telefon plötzlich stumm bleibt. Und wer ein neues Einfach- oder Billighandy kauft, sollte dringend darauf achten, dass in den technischen Beschreibungen die Begriffe „LTE“ oder „4G“ auftauchen. Nur „GSM“ ist zu wenig, egal ob zusätzlich mit „Triband“ oder „Quadband“ geworben wird. Das ist lediglich eine Bezeichnung für die verschiedenen möglichen GSM-Frequenzen, die es einst gab. Übrigens: LTE allein ist ebenfalls keine Garantie, dass du nach der GSM-Abschaltung noch telefonieren kannst. Das Gerät muss auch VoLTE unterstützen, also die Telefonie über LTE. Die ersten LTE-Handys konnten das nicht.
Dass Händler ihre Altbestände an GSM-Handys verkaufen – legitim. Immerhin lassen sich die Handys noch zwei Jahre nutzen. Doch die meisten Verbraucher dürften sie länger einsetzen wollen. Gerade die Kundschaft, die diese Einfachst-Geräte kauft, weiß aber in der Regel mit dem Begriff “GSM” nichts anzufangen und dürfte auch von der bevorstehenden Abschaltung nichts wissen. Eine deutliche Kommunikation wäre daher aus meiner Sicht dringend erforderlich.

