Was sie bringt und was sie jeden Arbeitnehmer kostet

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Was sie bringt und was sie jeden Arbeitnehmer kostet


Wer in Deutschland arbeitet, könnte bald automatisch Betriebsrentner werden, ob er will oder nicht. Nicht, weil er morgens aufwacht und beschließt, seine Altersvorsorge endlich in den Griff zu bekommen, sondern weil die Politik an einem Modell arbeitet, bei dem jeder Arbeitnehmer standardmäßig in eine betriebliche Altersvorsorge geschoben wird. Es sei denn, er widerspricht aktiv. Opt-Out heißt das. Klingt modern, effizient und fürsorglich. Tatsächlich ist es vor allem ein mächtiges Instrument, um aus Trägheit Teilnahme zu machen. Und genau darin liegt das Problem. Denn die betriebliche Altersvorsorge kann ein gutes Geschäft sein. Die entscheidende Frage ist nur: für wen.

Zwangsrente für alle?

Die Idee hinter der bAV ist simpel. Ein Teil des Bruttogehalts wandert direkt in einen Vorsorgevertrag, bevor Steuern und Sozialabgaben fällig werden. Der Arbeitgeber muss mindestens 15 Prozent dazulegen. Das klingt erst einmal attraktiv, und auf dem Papier ist es das auch. Wer 100 Euro einzahlt, spürt netto oft nur 50 oder 60 Euro weniger im Portemonnaie. Der Rest kommt aus Steuerstundung und gesparten Sozialabgaben. Das ist der große Lockstoff des Systems: Der Staat macht den Einstieg billig und der Arbeitgeber legt noch etwas obendrauf.

Genau hier beginnt aber auch die Täuschung. Denn dieses Geld verschwindet nicht einfach steuerfrei in die Zukunft. Es wird nur verschoben. Im Alter will der Staat seinen Anteil zurück, und zwar dann, wenn die Betriebsrente ausgezahlt wird. Hinzu kommen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge – und zwar der volle Satz. Nicht nur der Arbeitnehmeranteil, sondern auch der Teil, den früher der Arbeitgeber getragen hätte. Viele merken erst dann, dass ihre vermeintliche Zusatzrente deutlich kleiner ausfällt, als die Hochglanzrechnung beim Vertragsabschluss einst versprochen hat.

Die stille Nebenrechnung

Noch gravierender ist der Preis, den viele gar nicht sehen: Wer heute per Entgeltumwandlung weniger sozialversicherungspflichtiges Brutto hat, sammelt auch weniger Rentenpunkte in der gesetzlichen Rentenversicherung. Weniger Brutto bedeutet langfristig nicht nur weniger gesetzliche Rente, sondern oft auch niedrigere Ansprüche bei Krankengeld oder Arbeitslosengeld. Die bAV ist also nicht nur ein Zusatzsystem. Sie zieht an mehreren Stellen gleichzeitig Geld aus dem Sozialstaat heraus und verschiebt es in private Vorsorgevehikel. Das kann sinnvoll sein. Es kann aber auch bedeuten, dass man die linke Tasche füllt, während sich die rechte langsam leert.

Riester-Rente: Ich habe meinen Vertrag nach 15 Jahren gekündigt und so viel habe ich wiederbekommen

Und dann ist da die Produktrealität. Denn was viele unter Altersvorsorge verstehen – langfristiges Investieren, breite Streuung, Aktienmärkte, Wachstum – hat mit der Realität vieler bAV-Verträge nur begrenzt zu tun. In Deutschland liebt man Garantien. Garantien klingen nach Sicherheit, riechen aber oft nach Renditeverzicht. Wer seinem Anbieter verspricht, dass am Ende mindestens die eingezahlten Beiträge zurückkommen, zwingt ihn dazu, das Geld konservativ anzulegen. Viel Anleihe, viel Absicherung, viel Kostenapparat. Das Ergebnis ist oft ein Produkt, das über Jahrzehnte Rendite verschenkt wie ein Taxifahrer, der den Motor laufen lässt und trotzdem nicht losfährt.

Lohnt sich die bAV wirklich?

Der Unterschied ist brutal. Wer 40 Jahre lang monatlich 150 Euro investiert und im Schnitt sechs Prozent Rendite erzielt, landet bei Gesamtkosten von 0,2 Prozent bei rund 273.000 Euro Endkapital. Steigen die Kosten auf ein Prozent – ein Bereich, in dem viele Versicherungsprodukte problemlos liegen –, bleiben nur noch rund 223.000 Euro. Rund 50.000 Euro verschwinden allein durch Gebühren. Kein Crash, keine Fehlentscheidung, kein Pech. Einfach nur Kosten. Und genau darin steckt der stille Wahnsinn vieler Altersvorsorgeprodukte: Nicht die Börse frisst dein Geld, sondern das Produkt.

Dass die betriebliche Altersvorsorge trotzdem nur etwas mehr als die Hälfte aller Beschäftigten nutzt, ist kein Zufall. Laut Alterssicherungsbericht haben rund 52 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 25 und 67 Jahren eine aktive bAV. Und diese Quote sinkt, statt zu steigen. Vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen bleiben außen vor. Unter 1.500 Euro Monatsverdienst liegt die Beteiligung teils bei unter 30 Prozent. Bei Einkommen über 4.500 Euro sind es mehr als zwei Drittel. Die bAV folgt damit einer alten deutschen Regel: Die besten Förderinstrumente landen oft dort, wo das Geld ohnehin schon sitzt.

Genau das soll sich nun ändern. Politiker wie Lars Klingbeil und Friedrich Merz und DGB-Chefin Yasmin Fahimi sprechen offen über eine automatische Einbeziehung aller Beschäftigten. Das Vorbild ist Großbritannien. Dort stieg die Beteiligung nach Einführung des Modells auf über 80 Prozent. Aus Sicht der Politik ist das ein Erfolg. Aus Sicht der Finanzindustrie sowieso. Die spannendere Frage ist aber, ob bloße Teilnahme schon ein Qualitätsmerkmal ist. Auch ein überteuerter Vertrag bleibt überteuert, wenn ihn neun von zehn Menschen besitzen.

Was wäre die richtige Lösung?

Die politische Versuchung ist klar: Ein Opt-Out-Modell löst das Verhaltensproblem des Menschen. Trägheit wird zur Vorsorge. Wer nichts tut, spart automatisch. Das ist elegant. Aber es ist auch gefährlich, wenn die Produkte im Hintergrund schlecht konstruiert sind. Dann baut man kein Rentensystem, sondern eine Massenweiterleitung von Gehaltsanteilen in mittelmäßige Finanzprodukte, abgesichert durch Passivität.

Heißt das, ein ETF wäre grundsätzlich besser? Nicht zwingend. Ein breit gestreuter ETF auf den MSCI World ist oft renditestärker, transparenter und billiger. Aber er hat keinen Arbeitgeberzuschuss und keine vorgelagerte Steuerersparnis. Die bAV kann netto überlegen sein – wenn die Kosten niedrig sind, der Aktienanteil hoch ist und der Arbeitgeber mehr als das gesetzliche Minimum dazugibt. Fehlt einer dieser Faktoren, kippt die Rechnung schnell.

Dann gibt es noch eine dritte Option, die ab 2027 kommen soll: das Altersvorsorge-Depot, der geplante Nachfolger der Riester-Rente. ETF-basiert, staatlich gefördert, mit einer Grundzulage von 540 Euro im Jahr – wenn man 1.800 Euro jährlich einzahlt. Das klingt moderner als Riester, und das stimmt. Aber der geplante Kostendeckel liegt bei einem Prozent des angesparten Vermögens pro Jahr. Gemessen am Standard eines einfachen ETF-Sparplans ist das noch immer zu hoch. Das Muster ist bekannt: Der Staat meint es gut, und die Finanzindustrie freut sich.

Riester ist tot, doch der Nachfolger macht dieselben Fehler – trotz 540 Euro Zuschuss vom Staat

Genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob Deutschland eine Pflicht-Betriebsrente braucht. Sondern welche. Eine automatische Vorsorge mit Kosten von maximal 0,5 Prozent, standardisierten Aktienprodukten, voller Mitnahmemöglichkeit beim Jobwechsel und ohne renditefressende Garantiearchitektur könnte tatsächlich ein Fortschritt sein. Alles andere wäre das, was Deutschland in der Altersvorsorge seit Jahrzehnten perfektioniert hat: ein System, das so kompliziert ist, dass niemand es wirklich versteht, und so teuer, dass am Ende immer jemand gut daran verdient. Und das ist nicht zwingend der, der dafür gearbeitet hat.